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Musikkompetenz hinter der Bühne

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Maria Magdalena kniet im Staub. Die Menschen um sie herum sind sich einig: Eine Ehebrecherin, eine Sünderin, des Todes schuldig! Dann fällt ihnen ein

Jesus ist da, wenn er so heilig ist, soll er doch richten. Die Kamera fährt an Marias Gesicht heran, Verzweiflung, Angst, Scham. Dann hebt sie den Blick, sieht Jesus. Sie richtet sich auf, die Menschen um sie, die sie bedrohten, weichen zurück, die Kamera fährt auf die Totale. Wir sehen: Maria Magdalena steht jetzt, die Schultern gerade.

Warum wir das sehen? Weil die Kamera schon vorher weiß, was bald passiert. Weil Vanessa hinter der Bühne sitzt und ansagt: In 3, 2, 1 fängt das Cello an zu spielen. Jetzt singt Maria Magdalena ein längeres Solo, Achtung, in 3, 2, 1 kommt ein zweiter Sänger dazu und in 3, 2, 1, sobald sie den Kopf hebt, sofort auf die Totale zoomen. Vanessa, das ist die Musikkompetenz auf Seiten der Kamera. Selbst Musikerin, die für Kamera und Schnitt durch Stunden von Programm führt, sagt, was bald passiert, Sicherheit gibt, die vielen verschiedenen Instrumente, Sänger und Darsteller verbindet und den Zuschauer durchs Bild führt.

Und bei uns? Wer führt unseren Blick, wer ist unsere Vanessa? Wer verbindet das, was wir sehen, hören, zu einem sinnvollen Ganzen? Wer eine Blume sieht, einen Elefanten oder einen Spatz kann an Evolution, Milliarden Jahre und natürliche Auslese denken. Wer einen Armen sieht, kann an den barmherzigen Samariter denken und was es jetzt zu tun gibt. Er kann aber auch an Karriere und den nächsten Termin, der ungeheuer wichtig ist, denken. Und wer von der Dreiengelsbotschaft hört, kann die Offenbarung als altes Geschichtenbuch abtun oder vielleicht eine leise Stimme hören: Achtung, in 3, 2, 1 kommt ein zweiter Engel dazu, der sagt an, was gleich passiert.

Geschrieben von Klaus Müller am Sonntag, 21 April 2019.
Geposted in YiMC 2019